In ein Jahrhundert der Fotografie einzutauchen, um dort heroische Momentaufnahmen zu sammeln, in denen die Blume zu einem Objekt der Stärke und Selbstbehauptung wird – was könnte besser geeignet sein, um ein doppeltes Jubiläum zu feiern (das hundertjährige Bestehen der Parfümerie aus Grasse und das zweihundertjährige Jubiläum der Fotografie) und zugleich Frauen und Blumen zu ehren? Getragen, veredelt und weiterentwickelt von den Ururenkelinnen ihres Gründers, wird das Haus Fragonard seit über 30 Jahren auf weibliche Weise geführt – diskret und mit Bescheidenheit. Wir wissen es, und die Aktualität erinnert uns täglich daran: Die Gleichstellung der Geschlechter und der Respekt gegenüber dem sogenannten „schwachen“ Geschlecht sind fragil. Nutzen wir dieses doppelte Jubiläum, um fotografische Ikonen in ein florales Licht zu rücken und ihren symbolischen Wert zu hinterfragen.
In seinem 1961 erschienenen Essay „Le message photographique“ beschreibt Roland Barthes das Paradox dieses Mediums. Auf den ersten Blick scheint die Fotografie eine objektive Botschaft zu liefern, die einer greifbaren Realität entspricht; bei genauerer Betrachtung jedoch offenbart sie zahlreiche sekundäre Bedeutungen und Interpretationsspielräume. Der Semiotiker spricht vom „fotografischen Paradox“. Er verweist auf codierte Botschaften und verborgene Bedeutungen, die selbst in dokumentarischen Bildern enthalten sind. Die florale Dekoration trägt ein ähnliches Paradox in sich. Aus der Unschuld und Ästhetik, die ihr gewöhnlich zugeschrieben werden, lässt sich eine andere Lesart entwickeln. Die Blume erzeugt eine Botschaft, die wiederum die Fotografie codiert. „Wer hat Angst vor Blumen?“ bietet einen fröhlichen und farbenfrohen Rundgang, wie wir ihn bei Fragonard lieben, zugleich aber auch engagiert und kämpferisch. Es ist eine ungewöhnliche Neuinterpretation des floralen Attributs. Was wäre, wenn die Blumen, die Frauen tragen, vielmehr ihre „Waffen“ wären – jene, die es ihnen ermöglichen, sich zu behaupten, Botschaften zu vermitteln und der Brutalität sowie der Gewalt Sanftheit und Zerbrechlichkeit entgegenzusetzen?